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„Nicht die Hälfte der Welt vorenthalten!“
Kindergartenpädagogin Jutta Policzer leitet den Kindergarten in der Eipeldauer Straße 25 in Wien-Donaustadt. Sie beschäftigt sich seit mehr als 16 Jahren mit dem Thema „Gendersensible Pädagogik im Kindergarten“.

Kinder & Co: Frau Policzer, Kritiker sagen, dass Gendern im Kindergarten übertrieben ist, dass Mädchen nun mal gerne mit Puppen spielen und Buben mit Autos und man sie nicht zwingen soll, es umgekehrt zu tun.
Jutta Policzer: Es geht um eine offene Haltung. Wir möchten weder den Mädchen die Puppen wegnehmen, noch den Buben die Autos. Ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten soll ihnen mehr Raum für ihre Entwicklung bieten. Ich möchte nicht, dass ihnen die Hälfte der Welt vorenthalten wird. Es gibt deshalb zum Beispiel auch keine Puppen- oder Bauecke mehr, das Spielzeug ist frei wählbar, wodurch auch eher gemischte Gruppen entstehen. Und wir sind aufmerksam und zeigen zum Beispiel den Kindern, die immer dasselbe spielen, auch andere Möglichkeiten auf. Es geht aber auch darum, dass Mädchen nicht in der Meinung aufwachsen, dass es das Wichtigste ist, schön, schlank und nett zu sein. Und Buben sollen nicht glauben, dass sie immer stark und cool sein müssen.
Wie vermitteln Sie das?
Wenn sich ein Mädchen stolz in einem neuen Kleid präsentiert, sagen wir nicht, wie hübsch sie ist, sondern fragen sie, ob sie es selbst ausgesucht hat. Sie sollen sich nicht ausschließlich über ihren Körper und ihr Aussehen definieren, sondern erkennen: Was macht mich aus? Worauf bin ich stolz? Was kann ich gut? Bei Buben achten wir darauf, die soziale und emotionale Kompetenz zu fördern. Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie sie mit anderen umgehen. Wir lernen ihnen, mit Gefühlen wie Wut und Ärger umzugehen, ohne gleich handgreiflich zu werden. Und zeigen ihnen, dass es okay ist, Gefühle wie Traurigkeit und Angst zu zeigen. Generell geht es auch darum, das Selbstbewusstsein zu stärken. Dafür eignet sich auch Motopädagogik gut – dabei wird durch Bewegung die Persönlichkeit gefördert. Wenn zum Beispiel ein schüchternes Kind toll klettern kann, loben wir es dafür und zeigen ihm, dass es auch viele Stärken hat.
Ist es denn überhaupt so, dass Mädchen lieber mit Puppen und Buben lieber Indianer spielen?
Je jünger die Kinder sind, desto rollenuntypischer ist ihr Verhalten. Das zeigt, dass sie von ihrem Umfeld geprägt werden. Auch Erwartungshaltungen vom Umfeld spielen eine große Rolle. Kinder sind aber sehr offen, Neues zu entdecken. Wir laden die Kinder gezielt ein, neue Spiele auszuprobieren und sich auch an noch Unbekanntes zu wagen. Dann stellt sich oft heraus, dass auch Mädchen gerne mit Lego-Steinen spielen und dass auch Buben gerne ein Puppenhaus bauen. Es geht darum, in allen Bereichen ihre Kompetenzen zu stärken.
In Büchern sind aber nach wie vor oft die Buben die Helden, oder?
In Bilderbüchern sind die AkteurInnen zu zwei Drittel männlich. Wir überprüfen deshalb alle Bildungsmittel – auch Spiele, Gedichte und Lieder, bevor wir sie einsetzen, oder passen Texte an. So tanzen bei uns die Butzefrau und der Butzemann, zum Wassermann gibt es die Wasserfrau oder vielleicht auch einmal eine Kasparella, je nachdem, ob gerade ein Mädchen oder ein Bub agiert. Denn eine geschlechtergerechte Sprache macht bewusst, dass alles möglich ist. Für die Kinder wird das ganz normal. Sie verbessern sogar ihre Eltern, dann heißt es, wenn es sich um eine Frau handelt: „Das ist kein Clown, das ist eine Clownin.“ Und es gibt auch Ritterinnen und Schneefrauen in ihrem Weltbild, ebenso wie Puppenväter oder Kindergärtner. Wenn es um das Ausprobieren verschiedener Rollen geht: Die Mädchen wollen sich nicht mehr nur als Prinzessin verkleiden, sondern auch als Polizistin oder Feuerwehrfrau.
Bei den traditionellen Festen stehen aber auch Männer im Mittelpunkt. Ich denke da zum Beispiel an den Nikolo am 6. Dezember.
Das ist uns auch aufgefallen. Deshalb haben wir rund um Ostern ein Frühlingsfest ins Leben gerufen: Da weckt die Frühlingsfee die Blumen auf, wir entdecken die erwachende Natur im Garten, lesen Gedichte vor und singen gemeinsam Lieder.
Die meisten Kindergartenpädagoginnen – die meisten sind ja nach wie vor Frauen – sind aber selbst anders aufgewachsen, als noch eher die herkömmlichen Rollenbilder gelebt wurden.
Das eigene Wertesystem wird bei unserer Arbeit oft infrage gestellt. Man muss sehr achtsam sein, wenn man nicht herkömmliche Rollenbilder verstärken will. Man ertappt sich selbst manchmal – es ist ein ständiges Bewusstmachen nötig. Auch durch den Personalwechsel ist die gendersensible pädagogische Arbeit ein ständiger Prozess, allerdings ein sehr spannender. Wir haben oft Aha-Erlebnisse, das Umdenken verändert auch uns und unser Weltbild. Gendersensibler Umgang ist ja keine spezielle Pädagogik, es ist eine grundsätzliche Haltung.
Fällt Ihnen dazu ein Beispiel ein?
Irgendwann fiel mir auf, dass manche Mitarbeiterinnen oft über Diäten sprechen. Gleichzeitig wollen wir vermitteln, dass Aussehen nicht das Wichtigste ist. Das passt nicht zusammen. Seitdem ist es verboten, im Beisein von Kindern über Diäten zu sprechen. Ich nenne das „doing gender“: Alles, was wir tun, reproduziert Rollen. Was wir den Kindern vorleben, was wir tun, wie wir sprechen – das hat alles eine Vorbildwirkung. Deshalb repariert auch eine Pädagogin die kaputte Spieluhr, und eine andere Kollegin verwendet einen Bohrer, um einen Dübel für ein Bild zu bohren. Und unser Kollege backt einen Kuchen. Dadurch werden Rollenklischees aufgeweicht, weil es für die Kinder ganz normal ist, dass Männer backen und Frauen etwas reparieren können.
Gibt es zu der Thematik Richtlinien für alle städtischen Kindergärten?
In allen Kindergärten liegt ein verbindliches Regelwerk über die Standards in puncto Gendersensibler Pädagogik auf. Hier werden zum Beispiel die Sprache, die Bildungsmittel und das Thema Rollenbilder angesprochen. Die „Education Box“ vom Wiener Frauenbüro enthält auch einen Leitfaden, einen Fragenkatalog und Praxishilfen wie Bilderbuchlisten, Liederbücher und Fingerspiele.
Auch im Wiener Bildungsplan ist festgehalten, dass geschlechtsspezifische Einschränkungen von Mädchen und Buben vermieden werden sollen, indem das Spektrum von Interessen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen im Kindergarten erweitert wird.
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