Tödliche Falle
Offene Fenster können für Kinder zur tödlichen Falle werden. Experte Anton Dunzendorfer, Leiter des Bereichs Forschung im Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV), über unterschätzte Gefahren, kindliche Neugier und wirksame Sicherheitsmaßnahmen.
Offene Fenster und neugierige Kinder sind eine gefährliche Mischung.
Kinder & Co: In letzter Zeit gab es vermehrt Meldungen, dass sich Kleinkinder beim Sturz aus dem Fenster schwer verletzt haben. Warum wird diese Gefahr so oft unterschätzt?
Anton Dunzendorfer: Viele Eltern unterschätzen die Geschicklichkeit und Schnelligkeit ihrer Kinder. Ein offenes Fenster hat gerade für Kleinkinder aber eine große Anziehungskraft. Schon ein kurzer Moment, in dem Aufsichtspersonen unaufmerksam sind, reicht für Kleinkinder aus, um unbemerkt aufs Fensterbrett oder auf den Balkon zu klettern.
Fenstersicherungen, die verhindern, dass Fenster weiter als zehn Zentimeter geöffnet werden können, können Leben retten. Fensterstürze zählen zwar nicht zu den häufigsten, aber zu den gefährlichsten Kinderunfällen und enden oft tödlich. Schon ein Sturz aus dem Erdgeschoß kann zu lebensgefährlichen Wirbelsäulen- und Schädelverletzungen führen.
Gibt es ein Alter, in dem die Kinder besonders gefährdet sind?
Besonders im zweiten und dritten Lebensjahr sind Kinder oft schneller, als ihre Eltern es ihnen zutrauen. Auch wenn Eltern es nicht vermuten, verfügen schon die Kleinsten über ausreichend Kraft und Kreativität, um ans Ziel zu kommen, und können beispielsweise bestimmte Gegenstände verschieben und raufklettern.
Was können Eltern als Sofortmaßnahme tun, um Fensterstürze zu verhindern?
Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) appelliert an Eltern und Aufsichtspersonen, Fenster und Balkone mit technischen Sicherungen zu versehen. Am besten verwendet man Sperren, die bereits in den Fenstergriff integriert sind, aber auch der nachträgliche Einbau ist kein Problem.
Ist das Fenster mit einem Kippmechanismus ausgestattet, sollte, wenn Kleinkinder zu Hause sind, das Fenster zum Lüften nur gekippt werden. Fenstersicherungen werden am oberen Ende der Fenster außer Reichweite von Kindern montiert. Für Balkone oder Vordächer gilt: Gitter und Umzäunungen dürfen keine Querlatten haben, da Kinder sonst an ihnen hochklettern können. Im Bereich von Fenstern und Balkonen sollte nachgeschaut werden, ob Kleinmöbel als Aufstiegshilfe dienen könnten.
Gilt das auch für Urlaubsunterkünfte?
Auch im Urlaub oder in fremden Wohnungen sollte darauf geachtet werden, dass Kinder nicht in die Nähe von geöffneten Fenstern gelangen bzw. diese vorsorglich nur gekippt werden.
Kann man nachträglich Sicherungen einbauen lassen? Und wenn ja, mit welchen Kosten muss man ungefähr rechnen?
Kindersicherungen am Fenster lassen sich auch nachträglich einfach einbauen. Derartige Fenstersicherungen sind kostengünstig (unter 10 Euro) in Baumärkten und Möbelhäusern erhältlich.
Wird bei Neubauwohnungen auf spezielle Sicherheitsmaßnahmen für Kinder bereits geachtet?
Derzeit sind Sicherheitsmaßnahmen für Fenster leider nicht in der Bauordnung vorgesehen und werden dementsprechend auch nicht automatisch bei Neubauten eingebaut. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) setzt sich daher für die Verankerung verpflichtender Kindersicherungen an Fenstern in der Bauordnung ein.